Welches ist das umweltfreundlichste Menstruationsprodukt?
Wir leben in einer Zeit, in der Nachhaltigkeit in fast jeden Lebensbereich eingezogen ist. Wir kaufen regional, vermeiden Plastiktüten und achten auf Inhaltsstoffe. Doch wenn es um nachhaltige Periodenprodukte geht, stehen viele von uns noch immer ratlos vor dem Regal. Ist die Bio-Baumwolle wirklich besser? Lohnt sich der Umstieg auf Periodenunterwäsche für den Planeten, oder macht das viele Waschen den Vorteil zunichte?
Eine umfassende wissenschaftliche Studie aus Frankreich, veröffentlicht im Jahr 2022 im Journal Cleaner Environmental Systems beantwortet uns nun fachlich fundiert und umfassend die Frage: Welches ist das umweltfreundlichste Menstruationsprodukt?
Das Forschungsteam um Sarah Fourcassier hat dabei eine sogenannte Lebenszyklusanalyse (LCA) durchgeführt. Das bedeutet: Sie haben nicht nur geschaut, was am Ende im Mülleimer landet, sondern den gesamten Weg analysiert, von der Rohstoffgewinnung (z. B. Baumwollanbau oder Ölförderung) über die Produktion und den Transport bis hin zur Entsorgung oder Wäsche. Untersucht wurden die Auswirkungen in drei Ländern, darunter Frankreich, dessen Konsumgewohnheiten unseren in Deutschland sehr ähnlich sind.
Die Ergebnisse sind teilweise verblüffend und widerlegen so manchen Mythos. Hier ist der Deep-Dive in die Faktenlage.
1. Der unangefochtene Champion: Die Menstruationstasse
Wenn wir über nachhaltige Periodenprodukte sprechen, gibt es laut dieser Studie keine Grauzone, sondern einen eindeutigen Gewinner. Die Menstruationstasse (Cup) hat über alle untersuchten Umweltindikatoren hinweg die geringsten negativen Auswirkungen.
Der Unterschied zu Einwegprodukten ist gewaltig: Der ökologische Fußabdruck der Tasse ist um 99 % niedriger als der von konventionellen Einwegtampons. Auch im Vergleich zu Stoffbinden oder Periodenunterwäsche schneidet der Cup am besten ab.
Warum ist der Vorsprung so groß? Der Schlüssel liegt in der Wiederverwendbarkeit und der Materialeffizienz. Während eine menstruierende Person pro Jahr Hunderte von Tampons oder Binden verbraucht, wird rechnerisch nur ein Bruchteil einer Tasse benötigt, die Studie geht von einer Lebensdauer von bis zu 10 Jahren aus (0,2 Produkte pro Jahr im Rechenmodell). Zwar verbraucht die Herstellung des medizinischen Silikons Ressourcen, aber diese "Kosten" verteilen sich auf eine extrem lange Nutzungsdauer. Selbst das Energie und Wasser für das Auskochen der Tasse fallen im Vergleich zur ständigen Neuproduktion von Wegwerfartikeln kaum ins Gewicht.
2. Das Bio-Paradoxon: Warum "Organic" bei Einwegprodukten eine Falle sein kann
Dies ist wohl der kontroverseste Punkt der Studie und der wichtigste für alle, die bisher dachten, mit Bio-Einwegbinden das Richtige zu tun. Wir greifen oft zu Produkten mit "Organic Cotton"-Siegel, weil wir davon ausgehen, dass natürliche Materialien automatisch umweltfreundlicher sind als Synthetik.
Die Daten der Studie zeigen jedoch ein anderes Bild: Organische Einwegbinden hatten in der Mehrheit der untersuchten Umweltkategorien höhere negative Auswirkungen als ihre konventionellen Gegenstücke aus Plastik.
In 5 von 8 untersuchten Kategorien, darunter Landnutzung, Versauerung der Böden, Ökotoxizität und Überdüngung, schnitten die Bio-Varianten schlechter ab.
Wie lässt sich das erklären? Konventionelle Binden bestehen zu etwa 90 % aus Kunststoffen, die in der Herstellung sehr effizient sind, wenn man rein den Ressourcenaufwand betrachtet. Bio-Binden hingegen bestehen zu großen Teilen aus Baumwolle. Baumwolle ist eine anspruchsvolle Pflanze. Sie benötigt Ackerfläche, die bearbeitet werden muss, und sehr viel Wasser. Wenn diese Baumwolle dann nach nur einer einzigen Benutzung von wenigen Stunden im Müll landet, ist das Verhältnis von "Ressourceneinsatz" zu "Nutzungsdauer" extrem ungünstig.
Wichtig: Die Studie bewertet hier rein ökologische Faktoren. Sie sagt nichts darüber aus, ob Bio-Baumwolle gesünder für die Haut ist oder weniger Chemikalien direkt am Körper freisetzt. Aber wenn deine Hauptmotivation der Umweltschutz ist, ist die Bio-Wegwerfbinde laut dieser Studie oft ressourcenintensiver als das Standardprodukt.
3. Der Aufsteiger: Warum Periodenunterwäsche auf Platz 2 landet
Periodenunterwäsche hat in den letzten Jahren einen Boom erlebt. Die Studie bestätigt, dass dies gerechtfertigt ist. Sie belegt im Ranking der Umweltfreundlichkeit den zweiten Platz, direkt hinter der Tasse.
Was Periodenunterwäsche aus Sicht der Ökobilanz so spannend macht, ist ihre Doppelfunktion, die in der Studie explizit berücksichtigt wurde. Eine Periodenunterhose ist nicht nur ein Hygieneprodukt, sondern sie ersetzt gleichzeitig ein Kleidungsstück, nämlich deine normale Unterhose.
Das Rechenmodell der Forscherinnen zieht daher die Umweltbelastung einer "normalen" Unterhose von der der Periodenunterhose ab. Das Ergebnis: Da du ohnehin Unterwäsche tragen würdest, fallen die zusätzlichen Umweltkosten für die Saugfunktion und die Membranen vergleichsweise gering aus. Trotz des notwendigen Waschens schneidet die Unterwäsche damit besser ab als wiederverwendbare Stoffbinden, die "nur" Binden sind und zusätzlich zur Wäsche getragen werden.
4. Der unsichtbare Riese: Produktion vs. Mülltonne
Wenn wir die Frage "Welches ist das umweltfreundlichste Menstruationsprodukt?" stellen, denken wir meist an Müllvermeidung. Wir sehen Plastikapplikatoren an Stränden oder Berge von Windeln und Binden auf Deponien. Das ist ein reales Problem (allein in den USA entstehen jährlich 240.000 Tonnen Müll durch diese Produkte).
Aber bei vielen Produkten entsteht der größte Umweltschaden lange bevor du die Packung im Laden kaufst, nämlich in der Produktion.
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Treibhausgase: Bei konventionellen Binden verursacht die Herstellung der Kunststoffe (wie Polyethylen) einen Großteil des Treibhauseffekts.
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Applikatoren: Bei Tampons sind es oft gar nicht die Wattebäusche selbst, sondern die Applikatoren aus Plastik, die die Bilanz ruinieren. Hier wäre eine anschließende Studie, bei der auch Tampons ohne Applikatoren berücksichtigt werden sinnvoll, da insbesondere in Ländern wie Deutschland Applikatoren selten zum Einsatz kommen.
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Energie: Auch der Strommix des Herstellungslandes spielt eine Rolle. Produkte, die in Ländern mit hohem Kohlestromanteil hergestellt werden, belasten das Klima stärker .
Das Fazit hier: Ressourcen gar nicht erst zu verbrauchen (durch Wiederverwendung) ist viel effektiver, als nur den Müll am Ende zu betrachten.
5. Die Macht der Kombination: Realistische Szenarien
Die wenigsten Frauen* nutzen stur nur ein einziges Produkt. Mal ist die Blutung stärker, mal wollen wir auf Nummer sicher gehen. Die Studie ist hier erfrischend praxisnah und hat sogenannte "Kombinations-Szenarien" durchgerechnet (z. B. "Tampon plus Binde" oder "Tasse plus Slip").
Das Ergebnis für alle, die Sicherheit und Umweltschutz verbinden wollen: Die Kombination aus Menstruationstasse und Periodenunterwäsche erzielte in allen untersuchten Ländern die absolut niedrigsten Umweltwerte .
Diese Kombination ist unschlagbar, weil:
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Du die Langlebigkeit der Tasse nutzt.
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Du die "Doppelfunktion" der Unterwäsche als Backup hast.
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Du so gut wie keinen Müll produzierst.
Im Gegensatz dazu schneidet die Kombination aus verschiedenen Einwegprodukten (z. B. Tampon plus Binde) am schlechtesten ab, da sich die negativen Effekte beider Wegwerfartikel summieren.
Der große Vergleich: Kosten & Umwelt auf einen Blick
Welches ist das umweltfreundlichste Menstruationsprodukt für dich persönlich? Damit du die Erkenntnisse der Studie besser einordnen kannst, habe ich die wichtigsten Daten in einer Tabelle zusammengefasst. Die Kostenschätzungen basieren auf den Daten der Studie für Frankreich.
| Produkt | Platzierung | Kosten/Jahr* | Das sagt die Studie (Pro & Contra) |
| Menstruationstasse |
🥇 Platz 1 (Testsieger) |
ca. 6 € |
Minimaler Ressourcenverbrauch: 99 % weniger Umweltbelastung als Einwegprodukte Langlebigkeit: Hält bis zu 10 Jahre, daher kaum Müll . Pflege: Braucht nur minimal Wasser/Energie zum Auskochen |
| Periodenunterwäsche |
🥈 Platz 2 (Sehr gut) |
(Variabel)** |
Doppelfunktion: Ersetzt ein Kleidungsstück (Unterhose), das du ohnehin besitzen würdest Besser als Stoffbinden: Da sie Unterwäsche ist, fällt weniger zusätzliche Wäsche an als bei Stoffbinden |
| Wiederverwendbare Binden |
🥉 Platz 3 (Gut) |
Günstig |
Pro (Klima): Viel besser für das Klima (CO2) als Einwegprodukte Pro (Müll): Erzeugt keinen täglichen Abfall Contra (Wasser): Das nötige Waschmittel belastet Gewässer (Eutrophierung) 👉 Fazit: Trotz des Waschmittel-Nachteils insgesamt umweltschonender als Wegwerfprodukte |
| Einweg-Binden (Plastik) | 📉 Schlecht | ca. 160 € |
Warum so weit hinten? Contra (Klima): Die Herstellung aus Erdöl verursacht extrem hohe Treibhausgase Contra (Ressourcen): Verbraucht fossile Brennstoffe und erzeugt Müll "Pro": Da nichts gewaschen wird und nichts wächst, gelangt hier weniger Dünger/Waschmittel ins Wasser als bei Baumwoll-Alternativen. Das rettet aber die schlechte Gesamtbilanz nicht |
| Einweg-Binden (Bio) | 📉 Teils am schlechtesten | (Teurer) |
Warum der "Verlierer"? Das Problem: Kombiniert die Nachteile aus zwei Welten Landwirtschaft: Der Anbau der Bio-Baumwolle verbraucht viel Fläche und Wasser Wegwerf-Faktor: Diese aufwendig produzierten Rohstoffe landen nach 4 Stunden im Müll |
*Kosten basieren auf Durchschnittswerten der Studie für Frankreich **Periodenslips: Anschaffung teurer, aber jahrelang nutzbar.